Warum man keinen Christen auf der Bühne spielen sollte

Schauspieler Benjamin Stoll im Interview

Bibel-Blog

Du bist im Leiterteam von Drama Ministry, einem Arbeitszweig von Jugend für Christus, der Theaterschaffenden in Gemeinden Seminare und auch ein Studium im Bereich Schauspiel und Regie anbietet. Wieso ist dir dieses Projekt so wichtig?

 

Ich hatte erst auf der Schauspielschule erfahren, wie genial Theater dafür geeignet ist, Dinge so auszudrücken, dass Menschen davon berührt werden. Dieses Medium wird auch viel in Gemeinden und Kirchen genutzt. Ich möchte Menschen in diesem Bereich schulen, damit sie ihr Potenzial voll ausschöpfen können. Dabei ist es mir ein großes Anliegen, dass sie lernen zu verstehen, wer sie sind und was sie können. Und das Wichtigste: dass sie wissen, dass sie Gott liebt. Diese Erkenntnisse können sie wiederum in ihrem Schauspiel einsetzen und andere Menschen damit berühren. Ich bin davon überzeugt: Die Selbstfindung im Schauspielprozess hilft auch, im Glaubensleben vorwärtszukommen.

 

Wann hast du den Wunsch verspürt, Schauspieler zu werden? Und wie ging es mit dir dann weiter?

 

Als kleiner Junge war es schon immer so, dass viele meiner Berufswünsche durch Rollen in Filmen oder Serien inspiriert waren. Später merkte ich, dass ich also nicht wirklich Polizist oder Detektiv oder Lehrer werden wollte, sondern mich die Rollen an sich faszinierten. Bewusst habe ich mich damit beschäftigt, nachdem eine Klassenkameradin in der Oberstufe mir erzählte, dass sie auf die Schauspielschule geht. Nach dem Zivildienst ging ich dann selbst auf die Schauspielschule.

 

Wenn du nicht Schauspieler geworden wärst, dann wärst du jetzt wahrscheinlich …

Wahrscheinlich Lehrer. Aber dann wäre ich nicht meinem Traum nachgegangen.

 

Bist du lieber beim Theater oder doch lieber beim Film tätig?

Beides gleichermaßen. Beides hat schöne Seiten, die ich nicht missen möchte.

 

Du bist ja Christ. Wieso Jesus und nicht Buddha oder Mohammed?

Weil mich weder Mohammed noch Buddha berührt haben und mir persönlich begegnet sind.

 

Vervollständige bitte diesen Satz: An Jesus finde ich rätselhaft …

(Lacht.) Nichts, was mir groß auffällt. Ich erfahre ihn immer wieder neu und von einer anderen Seite.
Ich finde ihn unbegreiflich faszinierend, aber nicht rätselhaft.

 

Welche biblische Person hat am meisten schauspielerisches Talent?

Jesus.

 

Jesus?

Er hat die ganze Fülle in sich und kann sie deshalb auch zeigen. Schauspiel heißt ja nicht, so zu tun, als ob, sondern das, was die Rolle ausmacht, in einem drin zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen. Und Jesus hat alles und kann deshalb auch alles zeigen. Wobei in Jesus nichts Böses ist. Was die Darstellung des Bösen angeht, mache ich daher mal lieber ein Fragezeichen. Schaut man sich aber zum Beispiel seine Momente im stillen Gebet mit seinem Vater an, dann sieht man ihn weinen. Und betrachtet man den Dialog mit seinem Vater, merkt man, dass er Ängste und Zweifel hatte. Er war eben auch ganz Mensch.

 

Du hast mal gesagt, dass man auf der Bühne keinen Christen darstellen sollte. Wie meinst du das?

Christsein ist ein Prozess. Bei Rollen auf der Bühne schaut man auf den Moment und bewertet ihn unbewusst als Zuschauer. Man zieht sofort einen Vergleich zu sich selbst: Ist er besser als ich? Und als Nichtgläubiger denkt man: Will der mich bekehren? Das bringt einen komischen Beigeschmack. So baut der Zuschauer unterbewusst Widerstände auf und damit kann man ihn nicht erreichen. Besser ist es, losgelöste Figuren zu nehmen. Der Zuschauer kann sich so unvoreingenommen darauf einlassen. Schaut man sich die Gleichnisse von Jesus an, geht es da nicht um „den frommen Juden“, sondern um die Arbeiter im Weinberg, einen Hirten oder den barmherzigen Samariter. Wobei dort auch ein Priester auftaucht – der in diesem Fall interessanterweise negativ besetzt ist. Jesus ging es nicht um oberflächliche, nach außen getragene Frömmigkeit. Ihm ging es um die Beziehungsebene. So möchte ich es auch gerne machen.

 

 

 

Gab es schon Situationen, in denen du Filme/Projekte aus Gewissensgründen ablehnen musstest?

Mmh, … Ja, Werbe-Castings für Unternehmen, hinter denen ich nicht stehen kann. Zwar ist kein Unternehmen perfekt, aber wenn es in der Öffentlichkeit für etwas groß in der Kritik steht, hinter dem ich auch selbst nicht stehe, dann will ich dafür auch nicht mein Gesicht geben.

 

Eins deiner größten Projekte ist das Pop-Oratorium ICH BIN. Dort hast du Regie geführt und auch das Textbuch dazu geschrieben. Erzähl uns ein wenig darüber.

2013 war die Uraufführung in Dortmund und Hamburg. Letztes Jahr in Leipzig und dieses Jahr in Düsseldorf. Der Veranstalter ist die Neuapostolische Kirche. Das Besondere war, dass es diesmal nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Englisch aufgeführt wurde, und statt in einer Halle vor Tausenden spielten wir in einem Stadion vor knapp 40.000 Zuschauern. Thematisch behandelt werden darin die 7 „Ich-bin-Worte“, verknüpft mit jeweils einem Wunderwirken von Jesus. Von der Hochzeit zu Kana mit „Ich bin der Weinstock“ über die Speisung der 5000 mit „Ich bin das Brot des Lebens“ bis hin zum eigenen Tod und der Auferstehung mit „Ich bin das Leben“. Musikalisch ist das Ganze hervorragend komponiert von zwei Komponisten, die das Werk unter die Haut gehen lassen. Das ließ niemanden unberührt – selbst Nichtchristen nicht. In der Rahmengeschichte dazu geht es um drei Menschen, die nachts in ein Museum einbrechen, um ein Gemälde zu stehlen. Der Ausbruch erweist sich als schwieriger als gedacht, denn sie scheinen festzusitzen. Während zwei der drei sich um einen alternativen Fluchtplan bemühen, setzt sich der Dritte mithilfe eines Audio-Guides mit weiteren, für ihn merkwürdigen Bildern auseinander. Diese Bilder sind diese Ich-bin-Worte und Wunderwirken, die sich dann nicht bildlich, sondern musikalisch und szenisch wie in einer durch den Audio-Guide ausgelösten Multimedia-Show vor ihm abspielen. Das Ganze beeinflusst und verändert ihn. Es folgen Streitereien zwischen den dreien. Die Gefahr aufzufliegen und entdeckt zu werden ist groß und stellt ihr gemeinsames Unternehmen vor die Zerreißprobe …

 

 

Deine 9-jährige Tochter ist als Solistin mit dabei. Was empfindest du, wenn du sie auf der Bühne siehst?

Ich freue mich total, bin sehr stolz auf sie. Denn ich sehe den Prozess, der dahintersteckt. Man muss sich hier die Dimensionen vorstellen: Der Chor hatte über 4000 Sänger. Die beiden Hauptbühnen haben einen Durchmesser von jeweils 24 Metern. Drum herum 40.000 Zuschauer. Für sie war da eine sehr große Überwindung nötig. Ich habe ihr gesagt, dass sie das nicht machen muss. Aber sie wollte es unbedingt. Und sie hatte Schritt für Schritt ihre Hemmungen überwunden und vor Zehntausenden Menschen gesungen. Das hat mich wirklich beeindruckt. Allerdings war mir sehr wichtig, dass sie hier nicht alleine, sondern zu zweit auftreten. In dem Alter hat man noch den Kinderbonus und das Publikum tobt und applaudiert drauflos, nur weil eben ein Kind auf der Bühne steht. Das kann man in dem Alter nur schwer einordnen. Daher sang sie mit einem anderen Jungen abwechselnd Solo und dann im Duett. So konnten sich die beiden hinterher den Applaus im Schutz ihrer „Gemeinschaft“ abholen und nur so viel an sich ranlassen, wie sie eben verarbeiten konnten. Ein anderer wichtiger Punkt war für mich, ihr zu vermitteln, konstruktiv mit all dem Feedback und Lob umzugehen. „Du bist die Beste“, ist eine wenig differenzierte Aussage. Wenn man mit dem Gedanken älter wird, baut das einen so immensen Erwartungsdruck an sich selbst auf, dass die persönliche Krise und das tiefe Loch vorprogrammiert sind. So habe ich mit ihr genau darüber gesprochen und dass kein Mensch perfekt ist, auch wenn wir das uns immer wieder wünschen. Auch dass wir aber immer wieder Fehler machen und das zum Leben dazugehört. Und ich habe ihr gesagt, was sie ganz konkret gut gemacht hat. Zum Beispiel war der Komponist total begeistert, weil sie ihren Gesangseinsatz immer Punkt auf die Eins brachte und das trotz enormer akustischer Zeitverzögerung im Stadion und In-Ear-Monitoring, mit dem man erst mal umgehen können muss. Damit haben sogar viele erfahrene Sänger ihre Probleme. Und darauf und auf ihren großen Mut kann sie wirklich stolz sein!

 

Was würdest du einem jungen Menschen raten, der Schauspieler werden möchte?

Oh, ich werde das oft von jungen Menschen gefragt. Ich frag dann immer erst mal zurück: Warum willst du das denn werden? Meistens höre ich dann, dass es ihm oder ihr Spaß mache, sich in verschiedenen Rollen auszuprobieren. Dann frage ich: Was hindert dich daran, das zu Hause in deinem Wohnzimmer zu machen? Dafür brauchst du doch kein Publikum! Die Antwort wollen die meisten natürlich nicht hören. Sie merken, dass es ihnen insgeheim um noch was ganz anderes geht: die Bestätigung und Anerkennung. Am liebsten von einer großen Masse. Aber diese Motivation allein reicht nicht. Im Gegenteil. Mit ihr ist das Scheitern vorprogrammiert. Als Schauspieler kannst du dir keine Rosinen rauspicken. Auf dein eigenes Empfinden wird keine Rücksicht genommen. Du musst permanent Tiefschläge, Ablehnungen und Misserfolge wegstecken und damit umgehen lernen und du musst dich darauf einstellen, dass du dich ohne ein zweites Standbein nur schwer über Wasser halten kannst. Wenn du aber diesen Beruf wählst, weil du genau vor diesen Schattenseiten fliehst und dich nach den Sonnenseiten dieses Berufes sehnst, bist du eben fehl am Platz. Wer wirklich zum Schauspieler berufen ist, der möchte in erster Linie Menschen erreichen und ihnen etwas geben. Allerdings erkennt man das meistens erst, wenn man es tatsächlich ausprobiert hat. Dann empfehle ich solchen Menschen, es zu versuchen. Was man auf den Wochenendseminaren unserer christlichen Schauspielschule Drama Ministry Academy übrigens wunderbar nebenbei machen kann. Denn wenn diese Sehnsucht in dir drinsteckt, wirst du es dein Leben lang bereuen, wenn du es nie versucht hast. Das erlebe ich oft bei unseren Schauspielschülern der „älteren“ Generation, die erst spät den Mut aufgebracht haben, sich hier auszuprobieren, und nun endlich aufblühen. Zudem schadet es nie, etwas in diese Richtung gemacht zu haben. Es formt dich in deiner ganzen Persönlichkeit und führt dich in einen Prozess, der dir in jeder Lebenslage und in jedem Beruf weiterhilft.

 

Apropos Ratschläge: Was hättest du gerne deinem jüngeren Ich, sagen wir mal dem 22-jährigen Benjamin, erzählt?

Mach dir keine Sorgen, du bist auf dem richtigen Weg. Der Weg ist nicht geradlinig, sondern ein Prozess. Ich merke, Gott ist mit mir den Weg gegangen und rückblickend hatte alles sein Gutes.

 

Schauspieler, Regisseur, Autor und Coach von Führungskräften, Sportlern, Predigern und Künstlern, Leiter von Workshops. Das alles und noch mehr bist und machst du: Gibt es eigentlich etwas, was du nicht kannst?

Ich kann nicht gut Tischtennis spielen: Mein Vater zockt mich immer ab. Eine tiefere Antwort wäre wahrscheinlich, dass ich oft zu viel um die Ecke und zu kompliziert denke und mein Hirn immer am Rattern ist. Deshalb leidet manchmal meine Aufmerksamkeit. Und das wird oft von andern als unhöflich oder taktlos empfunden. Und ich denke nur: Ich Schussel. Außerdem kann ich nicht kochen. Wenn meine Frau weg ist und ich meine Kinder bekochen muss, bringt mich das an die Grenzen.

 

Natürlich wollen wir nicht mit so einer Frage enden. Deshalb zum Abschluss ein Ausblick in die Zukunft. Welche Projekte stehen bei dir in der nächsten Zeit an?

Ich schreibe gerade ein Buch. Der Titel ist noch in Bearbeitung. Darin geht es um die Bedeutung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen für die Zukunft. Warum sie uns so schwerfallen. Warum sie aber für die Zukunft immer entscheidender werden. Und natürlich, wie sie uns wieder einfach und mit Spaß gelingen. Da fließen all die Erkenntnisse aus dem Schauspiel, sogar aus der Sportwissenschaft und meinen Kommunikations- und Konfliktseminaren mit ein. Es wird voraussichtlich nächstes Jahr erscheinen.

 

Vielen Dank, Benjamin, und viel Erfolg weiterhin!

03.07.2019 //

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