Fata Morgana Freiheit

Unser Autor Marco Herr ist vor kurzem Vater geworden. Die Zeit der Schwangerschaft war aber alles andere als leicht. Das hat ihn zum Nachdenken gebracht – vor allem über die Frage, inwieweit Menschen und auch Gott „frei“ sind. In diesem Beitrag lässt er dich an seinen Gedanken teilhaben.

Bibel-Blog

Ich sitze in der Intensivstation. Mein Neugeborenes liegt hier. Ich kann ihm nicht helfen. Diese Freiheit habe ich nicht. Völlig ausgeliefert muss ich mich darauf verlassen, dass die Ärzte wissen, was sie tun. Ich bin kein „im Glauben abgeben-Christ“ – so frei war ich nie. Verneinung von Realität fällt mir schwer, man kann sich nicht alles schönreden.

„Realität?“, denke ich, „Mein Kind kommt auf die Welt und lernt als erstes, dass es nicht frei ist. Es hat sich den Geburtstermin nicht ausgesucht, andere Umstände haben dazu geführt. Jetzt muss es klarkommen. Niemand hat gefragt, ob es das möchte. Es ist, wie es ist. Komm klar. Dein Vater, der dich schützen sollte, kann nichts tun.“ Leise sage ich: „Willkommen in der Realität, mein Kind.“

Ist Freiheit eine Utopie?

Freiheit. Was für ein realitätsfernes Konzept! Welche Freiheit? Zugegeben, politische, militärische Freiheit – das sind Themen, die man fassen kann. Aber Freiheit wäre doch mehr, als nach Italien fahren zu dürfen, wann ich will. Es gibt keine Freiheit. Das Leben zwingt uns. Früher oder später. Immer anders, aber immer.

Ich selbst bin – wie die Psychologie es nennt – perfektionistisch veranlagt. Das heißt: Ich begegne Problemen kontrolliert und denke vorbeugend. Es ist anstrengend. Das Leben muss bei mir möglichst so laufen, wie ich es mir vorstelle. Dann fühle ich mich befreit. Mir fällt es schwer, mich spontan anzupassen. Ich lerne seit Jahren, anders zu denken. Es geht an der Realität des Lebens vorbei. Kontrolle bringt keine Freiheit, Planung auch nicht. Nichts bringt fortdauernde Freiheit, weil sie nicht existiert.

Es ist, wie es ist. Die einzige Freiheit, die es eventuell gibt, ist die, dass ich entscheide, wie ich Dinge interpretiere. Das macht viel aus. Man kann Dinge positiv oder negativ betrachten.

Freiheit zum Leben?

Auf der Baby-Intensivstation gibt es viel Leid, viel Schmerz. Freiheit? Ich muss lachen, während ich das ausspreche. Familien haben nur die Freiheit, Diagnosen anzunehmen und durchzustehen. Das war’s. Es gibt keine Wahlfreiheit.

Wir leben im Individualismus, wo Freiheit in Form von Selbstverwirklichung gelebt und propagiert wird. Alles ist erlaubt. Macht nichts. Du bist frei. Die anderen müssen das akzeptieren. Mir hängt das zum Hals raus. Diese hirnlose Idee von Freiheit. Rücksichtsloser Egoismus ist das. Keine Freiheit.

Während der Schwangerschaft erhielten wir eine Diagnose für unser Baby. Die Idee einer Abtreibung stand für uns nicht im Raum, und doch war das Thema da. Freiheit, denn man kann ja „entscheiden“. Nach einigen Wochen war klar: Fehldiagnose. Und zwar eine heftige. Die Quote von Fehldiagnosen hierbei ist hoch. Die Abtreibungsrate von diagnostizierten Kindern auch.

Freiheit? Mord?

„Freiheit“ ist ein gefährlicher Begriff. Gesunde Freiheit kann nur sein, zu hinterfragen und zu verstehen, um dann zu entscheiden, wie man sich am besten anpasst.

Aber in Christus sind Menschen doch frei, Marco! Ja, von Sünde und Trennung von Gott. Sonst nichts. Es gibt kein freies Nichts in dem jeder tun und lassen kann, was er oder sie möchte. In Christus sind Menschen befreit zu etwas. Frei von Sünde, frei zum Dienst. Aber nicht frei zur Selbstverwirklichung. Freiheit ohne Ziel gibt es nicht und Berufung zwingt. Umstände zwingen, das Leben auf Erden zwingt.

Gottes Freiheit

Gott selbst ist nicht frei. Christus selbst war bereit, Freiheit aufzugeben, um zu befreien. Gott selbst nahm sich seine Freiheit, wurde Mensch und ging ans Kreuz. Paulus meint dazu: „Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus war“ (Philipper 2,5), der seine göttliche Freiheit aufgab und Knechtsgestalt annahm.

Gott schuf andere Geschöpfe. Gab ihnen die Freiheit, zu entscheiden. Wir entschieden uns für die Selbstverwirklichung. Wollten selber wie Gott sein. Gott entschied sich gegen seine Freiheit und rettete uns. Gott ist nicht frei, denn er selbst ist Liebe (1 Johannes 4,16). Und Liebe ist das Gegenteil von Selbstverwirklichung (1 Korinther 13,4-8).

Freiheit? Brauche ich nicht. Ich brauche Liebe.

Marco Herr ist Autor von KLARTEXT und auch sonst ziemlich fleißig. Auf seiner Homepage erfährst du, was er beruflich macht (herrmarco.de).


Titelbild: Unsplash.com

02.10.2015 //

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